Plenarrede zum vorgelegten Abschlussbericht

Gut zwei Jahre hat sich die Enquetekommission VI dem Thema „Die Zukunft von Handwerk und Mittelstand in NRW“ gewidmet und sich mit den zentralen Fragen im Kontext von Digitalisierung, Fachkräftesicherung und Bildung auseinandergesetzt. Am Ende unserer Arbeit stehen ein knapp 300-seitiger Bericht und 171 Handlungsempfehlungen, die fraktionsübergreifend beschlossen wurden. An diesem Mittwoch hat der Landtag vor Nordhrein- Westfalen über den Abschlussbericht diskutiert und ihn verabschiedet. Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen sprach dazu Dr. Birgit Beisheim:

 

Wir GRÜNE wollen das Handwerk dabei unterstützen, dass es sich den verändernden Strukturen anpassen kann, sich darin neu verortet und langfristig wettbewerbsfähig bleibt. Die aktuelle Konjunkturlage ist gut, aber es mangelt an Fachkräften und vielerorts an der digitalen Ausrichtung der Betriebe. Wir sehen das Handwerk als Schnittstelle zwischen den Herstellern moderner, digitaler Technologien und den Endkund*innen. Handwerker*innen sind treibende Kraft für Innovationen nicht nur im Bereich Bau und Ausbau, sondern auch im KFZ-, Gesundheits- sowie Lebensmittelgewerbe und bei Produkten des persönlichen Bedarfs.

Im Handwerk gibt es zunehmend Dienstleister*innen und Expert*innen in ihren Bereichen, die die Kundschaft bestens beraten. Die erweiterte Themenvielfalt in der Beratung muss sich auch im Qualifikationsangebot für die Beraterinnen und Berater des Handwerks niederschlagen: Die in vielen Kammern veranschlagten sechs Fort- und Weiterbildungstage erscheinen bei der Vielfalt der neuen Themen zu gering.

Ziel ist ein nachhaltiges, soziales, ökologisches und wettbewerbsfähiges Handwerk in allen Bereichen. Bei der Gestaltung des Handwerks 4.0 gibt es zwei Schwerpunkte:

 

Digitalisierung und Wissenstransfer

Durch den Einsatz neuer Technologien und die digitale Vernetzung von Zulieferern, Herstellern und Kundschaft bei den Produktionsprozessen können Wertschöpfungsketten effizient, ressourcenschonend, ökologisch und regional gestaltet werden. Zudem wird der Wissenstransfer zwischen Forschung, Industrie und Handwerk erleichtert. Sinnvoll dazu wäre die Schaffung neuer „Begegnungsräume“ zwischen etablierten Handwerksbetrieben und digitaler Wirtschaft zum Beispiel mittels „Showrooms“ für digitale und nachhaltige Produkte. Ergänzend kann durch den Ausbau der Förderung von offenen Werkstätten in Form von Fab-Labs bzw. Makerspaces an Fachhochschulen die Weiterbildung der Fachkräfte des Handwerks verbessert bzw. die schulische Ausbildung und Heranführung von Kindern und Jugendlichen an das Handwerk attraktiver gemacht werden. So können Innovationen vorangetrieben und nachhaltig gesichert werden.

 

Fachkräftesicherung durch Bildung

Durch die aktuellen Entwicklungen, unter anderem den gestiegenen Wunsch nach höheren bzw. akademischen Berufsabschlüssen, entstehen ergänzend zu den klassischen Ausbildungsberufen neue, hybride Berufsbilder, die die Attraktivität der Ausbildung im Handwerk fördern sollen, aber auch neue hybride Qualifikationsstrukturen benötigen. Beispiele für solche hybride Qualifikationen sind das duale und das triale Studium im Handwerk. Ziel ist es, die Ausbildung zur praktischen „Problemlöser*in“ mit dem Bachelor als „theoretische Problemlöser*in“ zu verbinden. Insgesamt kann eine klarere Darstellung der Karrierechancen im Handwerk zu einem besseren Image beitragen.

Das Handwerk muss vielfältige Zielgruppen ansprechen, um den Fachkräftebedarf zu sichern. Für die Vereinbarung von Familie und Beruf mit all den bekannten Aspekten von Kinderbetreuung bis zu Stellung von Betriebs- oder Familienhilfen für erkrankte Selbständige braucht es zukünftig bessere Angebote, um gerade Frauen vermehrt für das Handwerk zu begeistern. Aber auch die Betriebe müssen umdenken, da trotz vorliegenden Bewerbungen von Frauen für die Ausbildung in männerdominierten, meist technischen Berufen den männlichen Bewerbern immer noch der Vorzug gegeben wird. Auch die Angebote für eine Teilzeitausbildung aufgrund von Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen müssen erweitert werden.

Einen wichtigen Beitrag zur Fachkräfte-Sicherung leisten die Berufskollegs, die qualifizierte, praxisorientierte und am Arbeitsmarkt gefragte Schulabschlüsse anbieten. Mit insgesamt über 569.000 Schüler*innen ist das Berufskolleg, nach den Grundschulen, die zweitgrößte und zugleich komplexeste Schulform in Nordrhein-Westfalen. Nahezu alle Schüler*innen, die die Regelschule ohne Abschluss verlassen, holen am Berufskolleg einen Schulabschluss nach – nur ein Prozent aller Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen bleibt ohne Abschluss. Das zeigt, welchen Beitrag diese Schulform zur Chancengerechtigkeit leistet.

Die Arbeit in der Enquetekommission wiederum hat gezeigt, dass viele Wege in die Zukunft schon bereitet sind. Wir müssen als Politiker*innen die Rahmenbedingungen für die Unternehmer*innen so gestalten, dass sie genug Freiraum haben, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen. Handwerker*innen müssen die Möglichkeit erhalten, ihre Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Dazu müssen wir das Rad nicht neu erfinden, wir müssen erfolgreiche Projekte wie die Handwerksinitiative 2.0 oder den KUER-Gründungswettbewerb weiterentwickeln und ggf. alte wie den Innovationsgutschein wiederbeleben. Wir müssen diese finanziell absichern und letztlich auch damit Vertrauen in die Zukunft herstellen.

Den vollständigen Bericht können Sie sich hier herunterladen.

 

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